Gadamer-Professur 2004: Jan Assmann
War Moses ein Pharao?
An Pessach erinnert sich das jüdische Volk des Auszugs aus Ägypten. Das am ägyptischen Hof erzogene Hebräerkind Moses ist in biblischer Tradition selbstverständlich der Anführer der Volkswerdung. Doch es gibt andere Überlieferungen, die ihn als Ägypter zeichnen. Der Ägyptologe Jan Assmann hat sich mit den Spekulationen, die aus der Antike über die Aufklärung bis zu Freud reichen, auseinander gesetzt. Ein Gespräch aus Anlass der Tutanchamun-Ausstellung in Basel.
Vom 7. April an ist in Basel die grosse Tutanchamun-Ausstellung zu sehen, die mit Gold und Göttern und Geschichte aus der Bronzezeit lockt. In der Geschichte Ägyptens ist, im Gegensatz zur biblischen Tradition, kein organisierter Auszug der Hebräer aus Pharaos Land und kein Moses belegbar, wohl aber viele Menschen mit Namen, in denen Mose als Bestandteil vorkommt. Die Basler Ausstellung führt uns zurück in die 18. Dynastie, kurz nach Echnatons Tod, des Königs, den die einen für einen Wahnsinnigen, andere für einen aufklärerischen Bilderstürmer halten. Er, und nicht Moses, war der erste monotheistische Religionsstifter. Allerdings hat man in der Zeit Tutanchamuns alles dafür getan, um die Erinnerung an diese - wie Jan Assman darlegt - traumatische Erfahrung der Tilgung des Götter-Weltbilds auszulöschen. Die radikale Leugnung aller Götter ausser des einen kosmischen Herrschers über Licht und Zeit, der Sonne als Gott Aton, scheint in der Geschichte nicht direkt Folgen gehabt zu haben. Echnatons Ein-Gott-Glaube äusserte sich nicht in moralischen Gesetzen, er wollte vielmehr einer Wahrheit zum Durchbruch verhelfen.
Der Ägyptologe Assmann nennt diese Wende, die Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion und die Einführung einer absoluten Glaubenswahrheit, die "Mosaische Wende". Sie ist "kein die Welt ein für alle Mal veränderndes historisches Ereignis, sondern eine regulative Idee, die ihre weltverändernde Wirkung über Jahrhunderte und Jahrtausende hin in Schüben entfalten kann". Zwar ist infolge eines Akts offiziell verordneter Verdrängung eines ganzen Zeitabschnitts vom ersten Erscheinen des Monotheismus unter Echnaton schon 50 Jahre nach dessen Tod nichts mehr bekannt gewesen, bis es vor rund 120 Jahren wiederentdeckt worden ist. Doch der ausgelöste Schock hat nach Assmann traumatische Wirkung gehabt und ist im kollektiven Gedächtnis unterbewusst erhalten geblieben. Der Autor untersucht die sich während Jahrhunderten ereignenden Prozesse der auftauchenden Erinnerung an etwas Unverortbares, unbenennbar Schreckliches. Dieses Bedrohliche heftete sich mit nachhaltiger Vehemenz an die Gestalt Moses' als eines Ägypters, ja manche Autoren vermuten gar, mit Moses könnte eigentlich ein Pharao gemeint gewesen sein. Jan Assmann geht dabei weniger den möglichen Fakten nach als vielmehr den Vorstellungen, die man sich vom alten Ägypten macht.
tachles: Herr Assmann, Sie befassen sich zusammen mit Ihrer Frau Aleida Assmann seit Jahren intensiv mit dem Thema Gedächtnis und Erinnerung. Demnächst feiert man in Judentum wieder Pessach, das Fest, an dem im Rahmen der Familie durch vorgeschriebene Lektüre und Diskussion die Geschichte vom Auszug aus Ägypten von einer Generation an die nächste tradiert wird. Was kennzeichnet eine solche Form von Tradition?
Jan Assmann: Die Seder-Nacht des jüdischen Pessach-Festes ist das schönste Beispiel erinnerter Geschichte. Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, der Gründungsmythos des jüdischen Volkes, wird in Form der Pessach-Haggada und ihrer improvisierten Ausschmückungen erzählt, um sich dieser Identität immer aufs Neue zu vergewissern und die nachwachsenden Generationen in diese Identität hineinzunehmen. Entscheidend ist das "Wir" der Erzählung: "Wir" sind aus Ägypten ausgezogen. Im Akt der Erzählung konstituiert sich dieses Wir. Daher bildet die Seder-Nacht so etwas wie die "Urszene" gemeinschaftsstiftender Erinnerung.
tachles: Warum ist die Erinnerung daran, dass wir "Sklaven in Ägypten" waren, die geradezu eine Verinnerlichung sein soll, Ihrer Meinung nach so zentral?
Jan Assmann: Um das Gesetz als Befreiung zu verstehen. Der "Midrasch der vier Kinder" in der Pessach-Haggada macht das ganz deutlich. Wenn dein Sohn dich fragt: Wozu alle diese Vorschriften, Regeln und Gebote?, sag ihm: Weil wir Sklaven waren in Ägypten. Nur so erklärt sich, warum die Unterwerfung unter das göttliche Gesetz Befreiung bedeutet: Befreiung aus den Unrechtgesetzen Pharaos und aller seiner Nachfolger.
tachles: In der Pessach-Haggada wird Moses' Name nicht erwähnt. Trotzdem ist er die wichtigste Figur nicht nur des biblischen Exodus, sondern der Volkswerdung der Israeliten überhaupt. Historisch ist Moses nicht belegbar. Trotzdem gibt es verschiedene ausserbiblische Überlieferungen zu Moses, deren Rezeptionsgeschichte Sie in "Moses der Ägypter" untersuchen - inwiefern unterscheiden sie sich von der jüdischen Erzählung?
Jan Assmann: Dass in der Pessach-Haggada Moses nicht erwähnt wird, ist in der Tat erstaunlich, erklärt sich aber dadurch, dass es hier einzig um den Auszug aus Ägypten geht. Das ist das Werk Gottes; er, nicht Moses, ist es, der die Kinder Israels aus Ägypten "herausgeführt hat", wie es immer wieder heisst, "mit starker Hand und ausgestrecktem Arm". Gott hat sich sein Volk erwählt und handelt in der Geschichte. Moses ist Teil dieses Volks und Werkzeug von Gottes Handeln. Die ausserbiblischen Überlieferungen lassen mehrere Erklärungen zu: Erstens Midraschim, ausschmückende, legendenhafte Elaborierungen der allzu knappen biblischen Angaben (das gilt vor allem für die talmudischen Moses-Legenden), zweitens Gegengeschichte, böswillige Umdrehung der biblischen Darstellung aus der Sicht der "Antimonotheisten" (das gilt für die hellenistischen Moses-Legenden speziell ägyptischer Provenienz), und drittens verschobene Erinnerungen an Echnaton und die Amarna-Zeit, die im Ägypten der Spätzeit mit den Informationen über Moses und den biblischen Monotheismus in einen Topf geworfen wurden (das gilt für Manetho und dessen Legende von Osarsiph, der sich Moses nannte). Je nachdem, wo solche Legenden hingehören, unterscheiden sie sich von der Bibel, von der blossen Ausschmückung bis zur böswilligen Verdrehung.
tachles: Was geschah in der Amarna-Zeit?
Jan Assmann: Um die Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. hat König Amenophis IV. sich in "Echnaton" umbenannt, alle traditionellen Kulte geschlossen, die Feste abgeschafft, Bilder und Namensinschriften insbesondere des Gottes Amun zerstört, die Hauptstadt nach Amarna verlegt und dort nur noch den einen, neuen Gott Aton ("Sonnenscheibe") verehrt: der erste monotheistische Umsturz der Geschichte. Tutanchamun, vermutlich ein Sohn Echnatons, ist dann der Pharao, unter dem die Rückkehr zu den alten Göttern vollzogen wurde.
tachles: Für die Beschäftigung mit Moses nennen Sie auch persönliche Beweggründe, namentlich Ihr "Bedürfnis des ‹Ins-Reine-Kommens› als deutscher Ägyptologe, der 50 Jahre nach der Katastrophe schreibt". Inwiefern ist dieses Bedürfnis befriedigt worden?
Jan Assmann: Gar nicht. Deshalb hat mich das Thema nach "Moses der Ägypter" ja auch nicht losgelassen. Solche Bedürfnisse lassen sich nicht "befriedigen". Aber ich sehe durch diese Veröffentlichung und ihre Rezeption, dass ich mit diesen Fragen nicht allein stehe, sondern nur Teil einer grösseren gedächtnisgeschichtlichen Neuorientierung bin. Das Thema "Gedächtnis" und die Frage nach der je eigenen sowie der kollektiven Aneignung und kulturellen Repräsentation von Vergangenheit beschäftigt heute, anders als früher, weite Teile unserer Gesellschaft, ja der Menschheit. Wir erkennen uns als Schöpfer und als Geschöpfe unserer Vergangenheit und versuchen uns über diese Dynamik klar zu werden. Dabei hat mir das Schreiben dieses Buches sehr geholfen.
tachles: Die Wurzeln des Antisemitismus sehen Sie in der verdrängten Erinnerung an das erste, zwangsverordnete Auftauchen des Monotheismus unter Echnaton. Das Christentum hätte demnach den Antisemitismus geerbt?
Jan Assmann: Der Antisemitismus hat viele Wurzeln. Nur eine, aber vielleicht die älteste von ihnen ist der antike Antimonotheismus, den ich in "Moses der Ägypter" hervorgehoben habe. Das Christentum hat diesen Antimonotheismus nicht geerbt, sondern selbst zu spüren bekommen (Kelsos). Es hat vielmehr mit seiner Gottesmord-These neue Wurzeln geschaffen. Wieder andere erwachsen aus dem Nationalismus mit seinen Feindbildern ("Arier" versus "Semiten") und Verschwörungstheorien ("Fünfte Kolonne", "Staat im Staat", "Weltjudentum", die "Protokolle der Weisen von Zion" usw.).
tachles: Sie zeichnen ein jahrhundertelanges christliches Bestreben nach, dem Judentum die "Urheberschaft" am Monotheismus abzusprechen. Dass Juden keine Originalität haben können, sondern nur zu Imitation in der Lage sind, ist ein Klischee des kulturellen Antisemitismus von weit reichender Wirksamkeit. Wie begegnen Sie mit Ihren Thesen der Gefahr, sich in diese Tradition einzuschreiben?
Jan Assmann: Ich spreche dem Judentum keine Urheberschaft ab, sondern unterstreiche die ungeheure Differenz zwischen Echnaton und dem biblischen Monotheismus, für den der Name Mose steht. Das Ende der "heidnischen" Religionen und die Wende zum Monotheismus bedeutet vermutlich die tief greifendste geistige Revolution der Menschheitsgeschichte. Diese Wende hat nicht Echnaton heraufgeführt; seine Religion blieb Episode und überdies im Kosmischen verhaftet. Sie verbindet sich vielmehr mit dem Namen Moses und muss als jüdische Errungenschaft festgehalten werden. Das Christentum hat sie in mancher Hinsicht (Bilderverbot!) wieder verwässert, wenn nicht gar rückgängig gemacht.
tachles: Rückgängig gemacht?
Jan Assmann: Das Christentum hat die Bilder wieder zugelassen, auch wenn das Bilderverbot virulent blieb und etwa in der Reformation zu ikonoklastischen Aktionen führte. Das Christentum hat das Priestertum beibehalten bzw. wieder eingeführt, während es in Judentum und Islam nur Lehrer und geistliche Führer gibt. Das Christentum hat schliesslich in der Trinitätslehre, jedenfalls in den Augen von Judentum und Islam, den strengen Monotheismus aufgeweicht. Daher spricht Freud in seinem Moses-Buch geradezu von einer "Rache der Amunspriester an Echnaton".
tachles: Sie diagnostizieren in den monotheistischen Religionen eine Schatten-Anwesenheit des Abgelehnten, Verdrängten, aber nicht völlig Überwundenen, dessen Inhalt mit der Vorstellung des "alten Ägypten" zu tun hat. Das Wiederauftauchen von solchen im Unbewussten mittransportierten Widersprüchen kann sich als Sehnsucht äussern, aber auch mit Gewaltausbrüchen verbunden sein. Sehen Sie hier einen Zusammenhang mit dem heute in allen drei Weltreligionen zunehmenden Fundamentalismus?
Jan Assmann: Nein. Der Fundamentalismus ist politische bzw. politisierte Religion, d. h. eine politische Verengung der Religion, genau wie der Nationalismus und wie dieser ein Produkt der Moderne. Er ist eine Reaktionsbildung auf den Säkularismus und nicht die Wiederkehr des Verdrängten.
tachles: Die Erinnerung an Ägypten spielt seit Jahrhunderten in der westlichen Welt eine prägende Rolle, und das schon lange, bevor spektakuläre Ausgrabungen die Phantasie konkreter beflügelten. Wie prägte dies unser Selbstverständnis?
Jan Assmann: Die Erinnerung an Ägypten hat unter anderem dadurch unser Selbstverständnis geprägt, dass sie den Dualismus von "Athen und Jerusalem" aufgesprengt hat. Sie hat ein Bewusstsein dafür wachgehalten, dass sowohl Athen wie Jerusalem auf eine dritte Welt zurückblicken, die ihnen vorausliegt und sie massgeblich geprägt hat. Ägypten stand im abendländischen Kulturgedächtnis für eine kulturelle Tiefenzeit, die den Gegensatz von Athen und Jerusalem, Heidentum und Christentum, Wissenschaft und Offenbarung usw. als "theologia prisca" (Urtheologie) oder "philosophia perennis" (ewige Philosophie) übergreift. Die Theologia prisca ist eine Theorie der Renaissance und geht davon aus, dass es ein gemeinsames Urwissen von der Wahrheit Gottes gibt, dessen Träger der Ägypter Hermes Trismegistos, der Perser Zoroaster, der Hebräer Mose und andere waren. Man glaubte, dass Reste dieser Urtheologie im Corpus Hermeticum (Hermes) und den Chaldäischen Orakeln (Zoroaster) erhalten waren. Da es sich dabei in Wirklichkeit um spätantike, neuplatonisch geprägte Texte handelt, war die Verwandtschaft mit christlichen, insbesondere ebenfalls neuplatonisch geprägten Texten mancher Kirchenväter kein Wunder.
tachles: In Basel wird ein grosser Besucheransturm erwartet. Wie erklären Sie sich die anhaltende Faszination für die "verbotene" altägyptische Götterwelt in einer Zeit, da die arabische Welt im Westen in sich verändernder Beleuchtung dasteht?
Jan Assmann: Die Tutanchamun-Faszination hat mit der Beleuchtung der arabischen Welt ebenso wenig zu tun wie mit dem "verbotenen Heidentum", sondern erklärt sich aus der Faszination des Goldes, dem "Mythos Archäologie" (ungeahnte Schätze ans Licht heben), den romanhaften Fundumständen (Carter, Lord Carnavon) und dem frappant zeitnahen, geradezu "kitschigen" Glamour vieler der Objekte (Art déco). Ein bisschen spielt wohl auch die Faszination Echnaton und damit die Frage nach der möglichen ägyptischen Herkunft des Monotheismus hinein, wobei aber festgestellt werden muss, dass Echnaton von je her mehr die intellektuelle Elite angesprochen hat, während "King Tut" ein Phänomen der Massenkultur ist.
Interview Katarina Holländer
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